Wollte ich ja schon länger mal aufschreiben.
Ein paar Fragen, meine Antworten.
Warum bin ich vegan?
Kombination aus Gründen:
- Ich probiere gerne Sachen aus, die nicht so unmittelbare körperliche Auswirkungen haben wie zum Beispiel, äh... ein Piercing. Ich finde das sehr spannend, hab zum Beispiel auch schon ein paar Mal gefastet (so richtig mit garnix essen, mindestens 7 Tage lang) und kann das nur empfehlen. Mit meinem Veganismus war ich dann während der Probezeit so zufrieden, dass ich ihn einfach behalten hab.
- Ein paar Freunde von mir sind oder waren vegan. Mit denen hab ich mich da öfter drüber unterhalten, und fand ihre Beweggründe einleuchtend.
- Ich grause mich vor der abstoßenden fleischverarbeitenden Massentierhaltungsindustrie. Ich fälle kein moralisches Urteil über andere, aber Billigfleisch, das nicht mehr wie Fleisch aussieht, zu konsumieren, und beim Anblick toter Tierteile oder Schlachthäuser extremen Ekel zu empfinden, halte ich für ziemlich schizophren. Wenn eine Gesellschaft eine große Fleischfressermehrheit aufweist, warum lernt man in der Schule dann eigentlich nicht, wie man ein Huhn schlachtet, verdammt?
- An dieser Stelle sind alle Vegetarierinnen übrigens sehr inkonsequent: Als ob für die Produktion von Eiern und Milch keine Tiere sterben müßten! Was passiert wohl mit den männlichen Küken, Jungrindern, und unrentabel gewordenem Getier? Und das gilt natürlich auch für viele Biofleischproduzenten!
- Billigfleisch schmeckt beschissen, und ich grause mich davor auch in zubereitetem Zustand.
- Nicht-Billigfleisch ist teuer. Könnte ich mir zur Zeit sowieso nur selten leisten.
- Bei manchen Leuten sollen Allergien besser werden, sobald sie sich vegan ernähren. Ich habe das Gefühl, dass mein Heuschnupfen ein bisschen besser wird, ganz verschwinden tut er leider nicht.
- Sobald man eingesehen hat, dass Tierprodukte zum Überleben nicht notwendig sind, beginnt man, sich nach Alternativen umzuschauen. Das war eine ziemliche Herausforderung und hat meinen Kochhorizont enorm erweitert. Schließlich leben weite Teile der Weltbevölkerung milchproduktfrei, von denen dann wieder große Landstriche vegetarisch, aus religiösen Gründen zum Beispiel, oder schlicht aus finanziellen, weil Fleisch ist überall teuer und kostbar. Außer in Billigsupermärkten der westlichen Welt.
Warum dann nur pseudovegan?
- Es ist oft einfach irre unpraktisch. Ich müsste mir jeden Tag meine veganen Stullen mitnehmen, wenn ich nicht sicher bin, dass ich unterwegs was veganes (außer trockenen Brötchen) bekomme. Das mache ich zwar oft, aber manchmal habe ich wirklich keine Lust oder Nerv. Viele Berliner Bäckereien, in denen es belegte Brötchen gibt, belegen auf Nachfrage aber auch eins nur mit Salat! Hab ich schon öfter ausprobiert.
- Mein emotionales Verhältnis zum Essen. Wenn ich wirklich Lust auf etwas habe, dann esse ich es auch. Immer. Und zwanzig Jahre Prägung auf wirklich ziemlich gute, eher gutbürgerliche Hausmannskost hat halt seine Spur hinterlassen. Richtig gelüsten tut es mir gelegentlich noch nach einem Stück Pizza (wenn es die mit derselben Würzung ohne Käse gäbe, würds die vermutlich auch tun), mütterlichen Rindsrouladen oder - seltener - so geil-cremigem Demeternaturjoghurt. Obwohl ich Präveganismus viel Käse gegessen habe, vermisse ich den äußerst selten. Bin ich eingeladen und es gibt nichts anderes, esse ich allerdings welchen.
- In Ausnahmesituation (beim Bergwandern beispielsweise, oder bei No-Budget-Drehs) esse ich sowieso, was mir unter die Finger kommt.
- Mit dem moralischen und gesundheitlichen Aspekt meines Vegandaseins kann ich gelegentliche Inkonsequenz aber prima vereinbarn. Schließlich bin ich schon einen großen Schritt gegangen, bin von ca. 250 Liter Milchprodukte im Jahr runter auf 5 Liter.
- Traditionelle Gerichte aus der Kindheit dürfen keinesfalls verändert und durch Ersatzprodukte entweiht werden! In
Piroggen gehören Eier, in die
Sauerampfersuppe (apropos, es ist bald wieder Sauerampferzeit, heißa!) Schmand, Grieben und Eier!
Ist das keine Mangelernährung?
- Nö. Man nenne mir einen Stoff, an dem man Mangel erleiden könnte.
Nur weil wir alle mit "die gute Milch!" großgezogen wurden, heißt das natürlich absolut garnicht, dass es nicht anders ginge. In Notzeiten, und damals, als die Besiedlung nördlicher Gefilde, in denen im Winter nix wächst, voranschritt, war es sicher eine unheimlich gute Idee, Milch zu konsumieren und als Käse haltbar zu machen. Man kann das also essen. Aber brauchen? Tut mans definitiv nicht.
- Das einzige, langfristig ernsthafte Problem, das in der neuzeitlichen Lebensmittelhygiene begründet zu sein scheint, ist wohl
B12, wobei ein B12-Mangel auch oft bei Allesessern festgestellt wird und die Forschung noch nicht endgültig abgeschlossen ist (es gibt wohl aktiv-"natürliches" und synthetisches B12, letzteres ist leider das, was in fast allen Präparaten enthalten ist und eher schaden als nutzen soll). Da ich aber alles andere als konsequent bin, und eine Präveganismusblutuntersuchung, die ich aus anderen Gründen hab machen lassen, sehr hohe, perfekte Versorgungswerte mit allen kritischen Stoffen aufwies, mache ich mir wirklich überhaupt garkeine Sorgen.
Nimmt man damit ab?
- Nein. Ich jedenfalls nicht. Habe anfangs sogar ein paar Kilo zugenommen, weil mein Körper das plötzlich weggefallene Eiweiß über Nussfressattacken ausgleichen wollte. Ich habe mich dann zwei, drei Wochen lang durch große Mengen Studentenfutter gemampft, danach gingen die Fressflashs wie durch Zauberhand weg (sind auch nie mehr wiedergekommen), und ich hab die Kilos wieder abgenommen.
Ist das nicht ziemlich teuer?
- Bei mir nicht. Eher billiger. Ich habe vorm Veganismusdasein allerdings Milchprodukte und Eier meist in Bio gekauft, außerdem konsumiere ich fast keine Tierprodukteersatzprodukte, außer Sojamilch und im Sommer gelegentlich mal ne Tofubratwurst. Hülsenfrüchte, Nudeln, Reis, Nüsse, Obst, Gemüse, Tofublock fürn Euro beim Asialaden. Kostet nicht viel.
Noch Fragen?
Ab damit in die Comments!
[EDIT, 14.11.07: Inzwischen bin ich wirklich mehr pseudo als vegan. Besonders die komplette Veganisierung meiner Backlust hat wirklich nie geklappt.]